Die ersten Jahrzehnte

Aus dem 1882 gegründeten Samariterverein für Opladen und Umgebung entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten eine immer stärker organisierte Sanitätsarbeit. Ein Jahresbericht der Opladener Sanitätskolonne aus dem Jahr 1919, veröffentlicht in der Opladener Zeitung, gibt einen ungewöhnlich detaillierten Einblick in diese frühen Jahre.

Die erste Sanitätskolonne entsteht

Im Jahr 1893 wurde im Anschluss an den bestehenden Samariterverein zunächst eine Sanitätskolonne der freiwilligen Feuerwehr gegründet. Zehn Jahre später kam eine zweite Kolonne hinzu: die Sanitätskolonne des Staatseisenbahnvereins „Germania“. Beide Einrichtungen standen damit in engem Zusammenhang mit den bereits seit 1882 bestehenden Bestrebungen, Erste Hilfe und medizinische Versorgung auch außerhalb der ärztlichen Behandlung zu organisieren.

Im Laufe der Jahre wurden die beiden Kolonnen schließlich zur freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz Opladen zusammengeführt. Der “Zweigverein vom Roten Kreuz für den Kreis Solingen” mit der “Lokalabteilung Opladen” - dem bisherigen Samariter-Verein Opladen - wurde gegründet.

Eine prägende Persönlichkeit dieser Entwicklung war Geheimer Sanitätsrat Dr. Christian Le Blanc, der bereits dem 1882 gegründeten Samariterverein vorgestanden hatte. Der Jahresbericht würdigt ausdrücklich seine „unermüdliche Arbeit“, durch die die Kolonne während der langen Friedensjahre stetig gewachsen sei und sich einen gut geschulten Mitgliederstamm aufgebaut habe.

Der erste Vorsitzende der Sanitätskolonne war Bahnmeister Warnken, erster Kolonnenführer wurde Wagenmeister Lättchen. Lättchen bekleidete dieses Amt auch noch zum Zeitpunkt des Jahresberichts 1919. Gemeinsam mit dem Kameraden Neveling gehörte er zu den Mitgliedern, die der Kolonne seit ihrer Gründung im Jahr 1893 angehörten.

Ausbildung und praktische Hilfe

Die Ausbildung von Helfern nahm von Beginn an einen wichtigen Stellenwert ein. Zwischen 1893 und 1914 wurden insgesamt 154 Männer ausgebildet, von denen 115 anschließend auch einen Wiederholungskursus absolvierten.

Darüber hinaus wurden 24 Mitglieder zu Krankenpflegern ausgebildet. Im Jahr 1919 standen davon noch 14 als ausgebildete Pfleger zur Verfügung.

Regelmäßige größere Übungen gehörten ebenfalls zum Vereinsleben. Bei diesen Übungen konnte die Opladener Kolonne ihre gute Ausbildung unter Beweis stellen und erhielt dafür wiederholt Anerkennung von fachkundiger Seite.

Die Ausbildung blieb dabei nicht auf theoretische Kenntnisse beschränkt. Die Mitglieder sollten vor allem dort helfen können, wo Unfälle im Alltag tatsächlich geschahen. Besonders eng war die Verbindung zur Eisenbahn, die in Opladen eine wichtige Rolle spielte.

Rund 80 Prozent der Mitglieder waren bei der Eisenbahnverwaltung beschäftigt. In den Betrieben, insbesondere in der Eisenbahn-Hauptwerkstätte, aber auch bei den äußeren Dienststellen, waren ausgebildete Samariter im Einsatz. An insgesamt neun Stellen in der Stadt wurden Unfallmeldestellen eingerichtet und Möglichkeiten zur Ersten Hilfe geschaffen.

Auch in den Schulen wurden Rettungskästen aufgestellt. Von der Sanitätskolonne ausgebildete Helfer übernahmen dort die Versorgung von Verletzten. Rettungskästen gab es außerdem bei der freiwilligen Feuerwehr und bei Werkfeuerwehren.

Damit war die Rotkreuzarbeit bereits vor dem Ersten Weltkrieg weit über den eigentlichen Vereinsrahmen hinausgewachsen: Die ausgebildeten Samariter waren Teil eines lokalen Netzes der Ersten Hilfe.

Der Erste Weltkrieg verändert die Arbeit

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 standen die Mitglieder der Sanitätskolonne vor völlig neuen Aufgaben.

Bereits am 3. August 1914, wenige Tage nach Beginn des Krieges, trafen sich die Vorstände der vaterländischen Frauenvereine sowie Ärzte und Führer der Sanitätskolonnen des Kreises Solingen, um die bevorstehenden Aufgaben zu beraten.

Am 7. August wurde Geheimer Sanitätsrat Dr. Le Blanc zum Vorsitzenden der Gesamtorganisation gewählt. Bereits wenige Tage später begann die Ausbildung weiterer Helfer. Für einen neuen Ausbildungskursus meldeten sich 60 Männer und 72 Frauen, die als Träger, Pfleger und Pflegerinnen ausgebildet werden sollten.

Für die Opladener Sanitätskolonne bedeutete der Krieg allerdings auch einen schweren persönlichen Verlust: Dr. Christian Le Blanc starb am 18. August 1914, nur wenige Tage nach Beginn dieser umfangreichen Vorbereitungen. Sein Sohn, Dr. G. Le Blanc, übernahm anschließend als Kolonnenarzt eine wichtige Aufgabe.

In Opladen wurden unterdessen umfangreiche Hilfsstrukturen aufgebaut. Am Bahnhof entstand eine Verbands- und Erfrischungsstelle, an der Ärzte, Sanitäter und Helferinnen gemeinsam arbeiteten. Am 1. November 1914 wurde dort außerdem eine ständige Sanitätswache eingerichtet. Sie war in einem eigens errichteten und entsprechend ausgestatteten Holzgebäude untergebracht.

Auch im Marianum wurde ein Vereinslazarett eingerichtet. Im dortigen Turnsaal leisteten Mitglieder der Sanitätskolonne Pflegedienste, bis das Lazarett im Februar 1915 wieder aufgelöst wurde. Im April 1915 wurde schließlich auch die ständige Sanitätswache am Bahnhof nicht mehr benötigt.

Die Aufgaben der Kolonne endeten damit jedoch nicht. Ihre Mitglieder wurden weiterhin zur Begleitung von Verwundetenzügen sowie zu Transporten verwundeter Soldaten in die benachbarten Lazarette in Roderbirken und Galkhausen angefordert.

Hilfe für Verwundete

Auch finanziell unterstützte die Opladener Kolonne die Kriegsfürsorge. Für die Lazarettzüge L 1, C 1 und M 2 wurden über die Kolonne insgesamt 1.800 Mark gesammelt. Darüber hinaus stellte die Kolonne Ausrüstungsgegenstände aus ihren eigenen Beständen zur Verfügung.

Der Jahresbericht macht zugleich deutlich, dass die Kriegserfahrung nicht ausschließlich aus unmittelbarem Sanitätsdienst bestand. Viele Mitglieder wurden bei Kriegsbeginn als Soldaten eingezogen. Nach Angaben des Berichts konnten deshalb nur wenige von ihnen tatsächlich im Sanitätsdienst eingesetzt werden.

Da etwa 80 Prozent der Mitglieder bei der Eisenbahn beschäftigt waren, wurden viele von ihnen für den kriegswichtigen Eisenbahnbetrieb benötigt und vom Militärdienst zurückgestellt. Der Bericht bewertet diese Situation ausdrücklich nicht als mangelnden Einsatzwillen: Auch die Arbeit der Eisenbahner wurde als notwendiger Dienst im Interesse des Landes verstanden.

Ein bewährtes Erste-Hilfe-Netz

Besonders eindrucksvoll sind die Zahlen aus der täglichen Arbeit. Allein in der Eisenbahn-Hauptwerkstätte wurde die Sanitätskolonne in den Jahren des Krieges in 7.800 Fällen zur Hilfeleistung herangezogen. An den übrigen Unfallmeldestellen kamen weitere 77 Fälle hinzu.

Von der Hauptwerkstätte aus wurden außerdem 200 Krankentransporte durchgeführt, von den übrigen Stellen weitere 34.

Die Zahlen zeigen, welche praktische Bedeutung die inzwischen über Jahrzehnte aufgebaute Ausbildung hatte. Aus der ursprünglichen Idee der Samariterbewegung – Menschen dazu zu befähigen, „Was soll geschehen, bis der Arzt da ist?“ – war in Opladen ein festes System organisierter Erster Hilfe entstanden.

Die Kolonne im Jahr 1919

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zählte die Opladener Sanitätskolonne zum 1. Januar 1919 insgesamt 71 aktive, 11 inaktive und 5 Ehrenmitglieder.

Sieben Mitglieder besaßen die Rote-Kreuz-Medaille, zwei das Eiserne Kreuz II. Klasse und fünf das Verdienstkreuz für Kriegshilfe.

Auch nach den Erfahrungen des Krieges blieb die Ausbildung ein zentrales Anliegen. Der Vorsitzende Ingenieur Bückart betonte 1919, dass die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen nach dem Krieg vermutlich auch das Sanitätswesen und die Sanitätskolonne verändern würden. Eines müsse jedoch unabhängig davon bestehen bleiben: eine gute Ausbildung der Sanitäter.

So standen die ersten Jahrzehnte der Opladener Rotkreuzarbeit ganz im Zeichen von Ausbildung, praktischer Hilfe und ehrenamtlichem Engagement. Was 1882 mit dem Samariterverein begonnen hatte, war bis 1919 zu einer gut organisierten Sanitätskolonne mit zahlreichen ausgebildeten Helfern und einem festen Netz von Erste-Hilfe-Stellen in Opladen gewachsen.

(Quellen: Verkündigen und Anzeiger an der Nieder-Wupper 24.04.1894; Jahresbericht der freiwill. Sanitätskolonne vom Roten Kreuz - Opladener Zeitung 03.05.1919 - 07.05.1919)